Hörspiel

Trauer tragen 

Trauerfloristik im Radio: Trauer tragen verbindet die handwerkliche Technik des Blumenbindens mit den rhetorischen Techniken des Nachrufs. Der Hörspielmacher Hendrik Quast erstellt in Echtzeit ein personalisiertes Grabgesteck. Dabei werden die Hörer*innen mit einer materialspezifischen Dramaturgie in die Welt der Floristik eingeführt, bei der das Hörspiel solange dauert, wie es dauert das Grabgesteck anzufertigen. Während die einzelnen Handgriffe zum Nachahmen genau beschrieben werden, hören wir, wie sie klingen – die Blume und die Trauer. Schock, Kontrolle, Regression und Anpassung: Mithilfe von Trauerfloristik werden alle Phasen des Trauerns vollzogen. Das Blumenbinden geht Hand in Hand mit einer Beschreibung der Arbeitsschritte. Die floristische Sprache setzt dabei Assoziationen in Gang, die nicht auf dem Friedhof enden und Räume jenseits des zu Betrauernden eröffnen. Erst durch die Arbeit am leblosen Schnittblumenmaterial werden Anlässe zum Gedenken her. Wem dieses Grabgesteck zugeordnet wird bleibt offen, dem Sprecher, dem Hörspielmacher, dem floristischem floristischen Alter Ego.  Denn hier geht es um vieldeutige Todesanlässe. 

 

Autor und Regie Hendrik Quast und Maika Knoblich 

Komposition Katharina Stephan

Dramaturgie Christina Hänsel

WDR Köln 2012

 

 

Manche Sendungen entfalten ihre Wirkung erst dadurch, dass sie ihrem einmal gewählten Prinzip bis zum Ende treu bleiben. (...) Und erst nachdem man eine halbe Stunde zugehört hat und kapiert, dass wirklich nichts anderes mehr passieren wird, wird einem bewusst, wie radikal dieses Stück ist. Ich fand das stark. So werden inhaltliche Verschaltungen möglich – wie beim Übersprung in eine andere Umlaufbahn. Es passiert etwas mit dir beim Zuhören, das Sinninhalte konturiert, ohne dass sie auserzählt werden. 

 

„Mainstream führt zu nicht“, Interview mit Martina Müller-Wallraf (Chefdramaturgin WDR) in EPD vom 27.6.14 

 

 

 

 

Mohrle

 

Mohrle ist ein Kater, der weinen kann. Seine aktuelle Mäusebeute hat das Tier weder zum Fressen gern, noch nutzt es sie als Spielobjekt. Stattdessen übt sich der anthropomorphe Kater in Techniken, die natürliches Verwesen und Vergessen verlangsamen: Sowohl die gekonnte Tierpräparation als auch seine jammernden Gesangsversuche rekonstruieren die Geschichte des Katers und seiner geliebten Maus, deren tote Augen wieder von Glanz erfüllt werden sollen. Eine akustische Niedligkeitsrekonstruktion mit Fellbeispielen 

 

Autor und Regie Hendrik Quast und Maika Knoblich

Komposition Katharina Stephan

Dramaturgie Christina Hänsel

WDR Köln 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nagelneu

Ein Besuch im Nagelstudio. Hen und Mai kümmern sich um die Hände ihrer Gegenüber. Sie haben sich vom Nageldesign verabschiedet, sie sind Nagelkünstler*innen. Und die, die in ihr Studio kommen, werden zu ihrer Leinwand.

French Manicure wird hier nur widerwillig angeboten. Die Vorliebe gilt eindeutig dem Glitzer und die Aufmerksamkeit dem leeren Nagel als Aktionsfläche und Ereignis. Die Hände der Hörerschaft geraten immer mehr ins Zentrum des Hörspiels. Als sichtbares Instrument der Arbeit sind sie gleichzeitig individueller Gestaltungsraum. Während sich Hen und Mai an unseren Nägeln zu schaffen machen, gefeilt und lackiert wird, verschwimmen Grenzen von Kunst und Dienstleistung, Inspiration und Technik sowie Lohn und Arbeit.

Autor und Regie Hendrik Quast und Maika Knoblich

Komposition Katharina Stephan

Dramaturgie Christina Hänsel

WDR Köln 2021

© 2020 Hendrik Quast